Entry Level Gap: Warum Berufseinsteiger:innen momentan harte Zeiten durchleben

Du hast dein Studium abgeschlossen, verschickst am laufenden Band dutzende Bewerbungen raus – und dennoch will es einfach nicht klappen mit dem Berufseinstieg. Genau das erleben gerade tausende Absolvent:innen, und das Phänomen hat längst einen Namen: Entry Level Gap. Unternehmen streichen reihenweise Einstiegsjobs und klagen gleichzeitig über Fachkräftemangel. Welchen Einfluss hat KI auf diese Entwicklung tatsächlich? Welche Berufe trifft es besonders hart, und wie überbrückst du die Leerlaufzeit zwischen Abschluss und erstem Job, ohne den Mut zu verlieren? Wir haben nachgeforscht.

von Charlotte Clarke, 13. Juli 2026 um 16:56
Foto von Claudio Schwarz auf Unsplash

Wenn du gerade auf Jobsuche bist und dich fragst, ob mit dir etwas nicht stimmt, weil selbst Bewerbungen auf vermeintlich simple Einstiegspositionen ins Leere laufen: Es liegt nicht an dir oder deinen Qualifikationen. Es liegt vor allem an einer strukturellen Verschiebung am Arbeitsmarkt, die inzwischen einen eigenen Namen trägt und die sich mit harten Zahlen belegen lässt.

Was genau ist der Entry Level Gap?

Der Begriff beschreibt eine simple, aber brisante Beobachtung: Der Anteil an Stellenanzeigen, die sich gezielt an Berufseinsteiger:innen richten, sinkt deutlich schneller als das gesamte Jobangebot. Absolvent:innen, die gerade ihr Studium abgeschlossen haben, konkurrieren damit um immer weniger passende Stellen, während gleichzeitig überall vom Fachkräftemangel die Rede ist.

Der Management-Professor Stephan A. Jansen hat sich intensiv mit diesem Widerspruch beschäftigt und dafür zahlreiche Studien ausgewertet. Sein Fazit fällt pointiert aus: Aktuell würden nach seinem Wortlaut Hochschulen und Schulen “für Arbeitslosigkeit ausbilden”, weil Unternehmen genau jene Aufgaben, an denen junge Akademiker:innen früher das Handwerk gelernt haben, heute an KI-Systeme auslagern. Einstiegs-Aufgaben wie Marktrecherchen, erste Code-Entwürfe, das Zusammenfassen von Verträgen: All das erledigen KI-Agenten inzwischen in Sekunden. Gleichzeitig, so Jansens Kritik, würden Bildungseinrichtungen weiterhin einen Typus Absolvent:in heranziehen, der genau auf diese wegfallenden Aufgaben vorbereitet ist, jedoch kaum über die Fähigkeiten verfügt, auf die es am Arbeitsmarkt wirklich ankommt.

Auch die Zahlen der Jobplattform Stepstone bestätigen den Trend eindrücklich. Für eine Analyse wurden über vier Millionen Stellenanzeigen aus den Jahren 2020 bis 2025 ausgewertet. Ergebnis: Im ersten Quartal 2025 lag der Anteil ausgeschriebener Einstiegsjobs 45 Prozent unter dem Fünfjahresdurchschnitt und damit sogar niedriger als zu Beginn der Corona-Pandemie.

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Welche Fachrichtungen und Branchen es besonders hart trifft

Der Entry Level Gap verteilt sich nicht gleichmäßig über alle Branchen. Laut einer weiteren Stepstone-Analyse gehen klassische Büro- und Verwaltungsberufe am stärksten zurück: Im Vertrieb sank das Angebot an Einstiegsjobs seit 2022 um 56 Prozent, im Personalwesen um 50 Prozent, in der Verwaltung um 34 Prozent und im Kundenservice um 20 Prozent.

Ganz anders sieht es in Berufen mit direktem Menschenkontakt und dem Handwerk aus. Der Bildungsbereich verzeichnet ein Plus von 96 Prozent bei Einstiegsstellen, das Handwerk wuchs um 52 Prozent.

Auch ein Blick in die USA zeigt eine ähnliche Verschiebung: Laut einer Auswertung des Jobportals Indeed gibt es dort inzwischen ein Drittel weniger Junior-Stellen in der Tech-Branche als noch 2020. Wenn du also gerade in Wirtschaft, IT, Recht oder Personalwesen unterwegs bist, spürst du den Gap vermutlich deutlicher als jemand, der in Pädagogik, Pflege, Handwerk oder technischen Ausbildungsberufen zu Hause ist.

Wer eine Ausbildung statt eines Studiums abgeschlossen hat, hat es laut der Stepstone-Analyse von 2025 beim Berufseinstieg aktuell tendenziell leichter. Hochschulabsolvent:innen müssen im Median rund 40 Bewerbungen verschicken, bis sie zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden, Ausbildungsabsolvent:innen kommen schon nach etwa 26 Bewerbungen zum Ziel. Akademiker:innen investieren zudem im Schnitt bis zu sieben Stunden pro Bewerbung, Ausbildungsabsolvent:innen etwa fünf. Auch beim “Ghosting” (Bewerbungen, auf denen die Jobsuchenden nie eine Antwort erhalten) unterscheiden sich die Werte: 74 % der Akademiker:innen berichten davon, gegenüber weniger Betroffenen mit Ausbildungshintergrund. Gleichwohl münden am Ende bei beiden Gruppen nur drei bis vier Bewerbungen im Schnitt tatsächlich in ein Gespräch, das Grundproblem betrifft also beide Wege, nur mit unterschiedlicher Bewerbungsintensität.

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Die Ursachen: Nicht nur KI, sondern ein Bündel an Faktoren

Auf den ersten Blick liegt die Vermutung nahe, dass vor allem generative KI den Berufseinstieg zur Geduldsprobe werden lässt. Die Realität ist jedoch komplexer. Laut Michael Stops vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) lasse sich bislang kein systematischer Zusammenhang zwischen KI-Einsatz und Einstellungschancen nachweisen. Hauptverantwortlich für den Rückgang sei derzeit vor allem die schwächelnde Konjunktur, durch die insgesamt weniger eingestellt wird und Berufseinsteiger:innen stärker mit erfahrenen Bewerber:innen konkurrieren, die in solchen Phasen auch bei Gehaltsvorstellungen Zugeständnisse machen.

Gleichzeitig zeigt eine internationale Auswertung der British Standards Institution, dass zwei Fünftel der weltweit führenden Unternehmen bereits Einstiegspositionen wegen Effizienzgewinnen durch KI reduziert haben. Weitere 43 Prozent planen das für 2026. Konjunkturschwäche und KI-Automatisierung wirken also zusammen und verstärken sich gegenseitig.

Ein dritter Faktor kommt aus dem Recruiting selbst: Viele Unternehmen suchen weiterhin nach “fertigen” Kandidat:innen statt nach entwicklungsfähigen Talenten. Eine Stepstone-Befragung unter rund 1.000 Recruiter:innen und knapp 6.900 Beschäftigten zeigt, dass 87 Prozent der Personalverantwortlichen es schwer finden, Menschen mit den passenden Kompetenzen zu finden, während 43 Prozent trotzdem für alle Positionen formale Abschlüsse verlangen. Ein hausgemachtes Paradox: Man klagt über fehlende Fachkräfte und sortiert gleichzeitig Talente über starre Anforderungsprofile aus.

Die Konsequenzen: Finanzieller Druck, Selbstzweifel und die Praktikumsfalle

Wenn du gerade auf Jobsuche bist, bedeutet das konkret: längere Bewerbungsphasen, mehr Absagen, mehr Unsicherheit. Und das bleibt nicht ohne Folgen für die Psyche. Die Forschung zeigt seit Langem, dass Arbeitslosigkeit eine der stärksten psychosozialen Belastungen überhaupt ist. Erwerbslose Menschen haben ein etwa doppelt so hohes Risiko, psychische Probleme wie Depressionen, Angstsymptome oder eine eingeschränkte Lebenszufriedenheit zu entwickeln. Die aktuelle Jugendstudie 2026 der Universität Potsdam bestätigt diesen Trend für die junge Generation: Die psychische Belastung erreicht einen neuen Höchststand, unter anderem wegen unsicherer beruflicher Perspektiven. Auch der Anteil junger Menschen mit Schulden liegt mit 23 Prozent auf einem Rekordwert.

Ein besonders unschöner Nebeneffekt des Gaps: die Praktikumsfalle. Weil reguläre Einstiegsstellen fehlen, weichen viele Absolvent:innen auf Praktika aus, um überhaupt Berufserfahrung zu sammeln. Der Deutsche Gewerkschaftsbund zeigt, dass sich rund 80 Prozent der Praktikant:innen Sorgen um ihre wirtschaftliche Situation machen. Das trifft nicht alle gleich hart. Wer sich unbezahlte oder schlecht bezahlte Praktikumsmonate finanziell nicht leisten kann, weil kein Elternhaus im Rücken steht, das die Miete mitträgt, fällt beim Berufseinstieg systematisch zurück. Der Entry Level Gap verstärkt damit auch eine soziale Ungleichheit, die längst vor dem ersten Job beginnt: Wer Kontakte, Netzwerk und finanzielle Reserven hat, kommt leichter über die Leerlaufzeit als jemand, der beides nicht hat.

Lohnt sich ein Studium überhaupt noch?

Die klassische Formel „Abitur, Studium, sicherer Job“ gerät zunehmend ins Wanken, und das nicht, weil Bildung wertlos würde, sondern weil sich die Kriterien verschieben, nach denen Unternehmen einstellen. Immer mehr Arbeitgebende setzen auf sogenanntes Skills-based Hiring: Statt nach Abschlüssen wird nach nachweisbaren Kompetenzen gesucht. 

Laut der bereits erwähnten Stepstone-Studie wollen 77 Prozent der befragten Unternehmen künftig stärker nach tatsächlichen Fähigkeiten statt nach formalen Abschlüssen einstellen. In der IT-Branche verzichten bereits 38 Prozent der Recruiter:innen bei bestimmten Positionen ganz auf formale Nachweise, im Bauwesen sind es 10 Prozent, im Bildungsbereich 11 Prozent.

Das heißt nicht, dass sich ein Studium nicht mehr lohnt. Gerade in regulierten Berufen wie Medizin, Recht oder dem Lehramt führt weiterhin kein Weg an einem Abschluss vorbei. Aber der Automatismus „Titel garantiert Job“ funktioniert nicht mehr. 

Ein zukunftsfähiges Bildungssystem müsste deshalb zwei Dinge gleichzeitig leisten: fachliche Tiefe vermitteln und parallel Praxisnähe, Projektarbeit und den Umgang mit KI-Tools fest im Curriculum verankern, statt sie als optionales Extra zu behandeln. Duale Studiengänge, Praxissemester mit echter Verantwortung und projektbasiertes Lernen, wie es etwa Programmierschulen ohne klassische Vorlesungen vormachen, zeigen bereits, wie das aussehen kann.

Foto von Ahmet Kurt auf Unsplash

Wie du deine Chancen jetzt konkret erhöhst

Auch wenn der Arbeitsmarkt gerade zäh ist, bist du dem Ganzen nicht hilflos ausgeliefert. Eine Standardbewerbung mit Anschreiben und Lebenslauf reicht in vielen Feldern inzwischen kaum noch aus, um aus einem Stapel gleich qualifizierter Bewerbungen herauszustechen. Die folgenden Hebel können dazu beitragen, deine Chancen deutlich zu erhöhen. 

Werde schon vor der Stellenausschreibung sichtbar

Ein Großteil der Stellen entsteht, lange bevor sie offiziell ausgeschrieben werden, etwa durch interne Umstrukturierungen, neue Projekte oder wachsenden Bedarf in einem Team (Stichwort verdeckter Arbeitsmarkt). Wer erst dann reagiert, wenn die Anzeige online ist, konkurriert sofort mit hunderten anderen Bewerbenden. Eine gut vorbereitete Gesprächsanfrage an eine Fachabteilung, zum Beispiel mit Bezug auf einen aktuellen Bericht, ein Projekt oder eine thematische Entwicklung im Unternehmen, kann dich frühzeitig als kompetente Ansprechperson im Gedächtnis verankern. Entscheidend dabei ist echtes fachliches Interesse und der Aufbau von Vertrauen im Gespräch, nicht die schnelle Jagd nach einem Jobangebot. Daraus entsteht im Nachgang in vielen Fällen (zum passenden Zeitpunkt) die Möglichkeit einer zielgerichteten Initiativbewerbung.

Zeig deine Arbeitsweise, statt nur Behauptungen aufzustellen

Klassische Lebensläufe listen Stationen auf, zeigen aber selten, wie du wirklich denkst und arbeitest. Genau hier setzen ergänzende Bewerbungsformate an, die du gezielt und dosiert einsetzen kannst:

  • Eine kurze Arbeitsprobe „light“, etwa eine ein- bis zweiseitige Skizze zu einer realen Fragestellung des Unternehmens, macht deine Denklogik sichtbar, ohne ein vollständiges Konzept vorzulegen.
  • Eine kompakte Case Study zu einem realen Projekt aus deinem bisherigen, auch ehrenamtlichen Werdegang zeigt konkret, wie du Herausforderungen angehst, Entscheidungen triffst und woraus du gelernt hast.
  • Ein schlankes digitales Portfolio, etwa als einfache Website oder Notion-Seite, bündelt zwei bis drei Projekte oder Denkansätze übersichtlich und macht dich auch für Recruiter:innen auffindbar, die dich noch nicht kennen.
  • Ein kurzes Vorstellungsvideo von 60 bis 120 Sekunden kann bei kommunikativen Rollen oder bei wertegetriebenen Arbeitgeber:innen einen persönlichen Eindruck vermitteln, den ein Foto im Lebenslauf niemals leisten kann.

Wie gut solche Formate ankommen, hängt stark vom Organisationstyp ab. Bei Startups, NGOs oder wertorientierten Unternehmen können sie den entscheidenden Unterschied machen. Bei sehr formalen, standardisierten Bewerbungsprozessen oder konservativen Arbeitgebenden wirken sie dagegen schnell deplatziert, hier zählt eher eine besonders klare, saubere Kompetenzdarstellung. Kündige ergänzende Formate am besten kurz und unaufdringlich im Anschreiben an, etwa mit einem Satz wie „Optional habe ich eine kurze Skizze beigefügt, um meine Herangehensweise zu verdeutlichen“, damit die Entscheidung, sich damit zu befassen, bei der lesenden Person bleibt.

Mehr zur richtigen Ansprache, passenden Aufhängern und Formulierungsbeispielen findest du in unserem Artikel zu kreativen Bewerbungsformaten.

Nutze auch den klassischen Rahmen bewusster

Selbst wenn ergänzende Formate für dich nicht infrage kommen, bietet das klassische Anschreiben mehr Spielraum, als viele Bewerbende ausschöpfen. Statt Anforderungen einzeln abzuhaken, lohnt es sich, das Anschreiben als Argumentationsraum zu verstehen: Warum ist deine bisherige Erfahrung genau für diese Rolle anschlussfähig, und welche Perspektive bringst du mit, die sonst niemand mitbringt? Auch dein Lebenslauf gewinnt, wenn du ihn als Kompetenzprofil statt als reine Stationenliste aufbaust und Tätigkeiten unter Schlagworten wie Projektsteuerung, Datenanalyse oder Kommunikation komplexer Inhalte einordnest. Das hilft besonders dann, wenn dein Werdegang nicht ganz geradlinig verläuft.

Weitere Hebel für mehr Sichtbarkeit

  • Lerne, mit KI-Tools produktiv zu arbeiten, statt sie nur als Spielerei zu verstehen oder gar ganz zu meiden. Wer KI souverän für Recherche, Analyse oder erste Entwürfe einsetzt, wird für viele Unternehmen interessanter.
  • Sei bei Branche und Ort flexibel. Der IAB-Experte Michael Stops rät explizit dazu, auch mal über den Tellerrand zu schauen, sowohl bei der Region als auch beim Tätigkeitsfeld (Quelle).
  • Nutze Quereinstiegs- und Bootcamp-Formate gezielt, um dir Skills anzueignen, die dein Studium nicht abgedeckt hat.

Die Leerlaufzeit sinnvoll überbrücken

Die Monate zwischen Abschluss und erstem Job müssen keine verlorene Zeit sein. Ein paar Ideen, die über “mach doch mal ein Praktikum” hinausgehen:

  • Starte ein kleines, selbst finanziertes Mikro-Startup oder Freelance-Projekt in deinem Fachgebiet, und sei es nur als Testballon. Damit sammelst du echte Praxiserfahrung und kannst sie in Bewerbungen konkret belegen, statt nur von „Interesse“ zu sprechen.
  • Baue dir ein digitales Portfolio auf, etwa in Form eines Blogs, eines Podcasts oder eines öffentlich dokumentierten Lernprozesses zu einem Thema deines Fachbereichs. Das zeigt Eigeninitiative und macht dich bei Google und LinkedIn auffindbar, lange bevor du dich überhaupt bewirbst. 
  • Engagiere dich ehrenamtlich in einer Organisation, die zu deinem Berufsziel passt, denn ehrenamtliche Arbeit zählt in vielen Branchen durchaus als vollwertige Erfahrung.
  • Nutze die Zeit gezielt für Zertifikate in gefragten Zukunftsfeldern wie Datenanalyse, Projektmanagement oder KI-gestützter Arbeit, idealerweise mit einem kleinen, vorzeigbaren Projekt als Nachweis, statt nur ein Zertifikat zu sammeln.

Ausführliche Impulse für die “Zeit dazwischen” findest du hier in unserem Artikel.

Diese menschlichen Fähigkeiten werden immer wichtiger

Je mehr Routineaufgaben KI übernimmt, desto stärker rücken jene Fähigkeiten in den Fokus, die Maschinen bislang nicht gut beherrschen. Der Future of Jobs Report des Weltwirtschaftsforums, für den mehr als 1.000 Unternehmen aus 22 Branchen und über 50 Volkswirtschaften befragt wurden, liefert dazu handfeste Zahlen. Analytisches Denken bleibt die von Arbeitgeber:innen am häufigsten genannte Kernkompetenz, sieben von zehn Unternehmen stufen sie als essentiell ein. Direkt dahinter folgen Resilienz, Flexibilität und Agilität sowie Führungsstärke und sozialer Einfluss, danach kreatives Denken sowie Motivation und Selbstwahrnehmung. Kompetenzlücken gelten in dem Bericht sogar als das größte Hindernis für den digitalen Wandel in Unternehmen. Für dich als Berufseinsteiger:in lassen sich diese Ergebnisse in vier Cluster übersetzen, die sich alle unabhängig vom Studienabschluss gezielt aufbauen lassen.

Kritisches Denken und Urteilsvermögen

KI liefert Antworten, aber keine Garantie für Richtigkeit. Wer KI-generierte Analysen, Texte oder Code-Vorschläge sinnvoll einordnen, hinterfragen und verbessern kann, wird für Unternehmen zur unverzichtbaren Kontrollinstanz statt zur ersetzbaren Ausführungskraft. Trainieren lässt sich diese Fähigkeit zum Beispiel durch das konsequente Gegenlesen und Faktenchecken von KI-Ausgaben, durch die Teilnahme an Debattierclubs, durch das Verfassen kurzer Positionspapiere zu kontroversen Themen oder einfach durch die Gewohnheit, Behauptungen im Alltag routinemäßig nach ihrer Quelle zu fragen.

Kommunikation und Empathie

Abstimmung mit Kolleg:innen, Kund:innenkontakt und Teamarbeit lassen sich kaum automatisieren, gerade weil dabei Zwischentöne, Interessen und Erwartungen unterschiedlicher Menschen zusammenkommen. Empathie und aktives Zuhören zählen laut WEF-Report ebenfalls zu den zehn wichtigsten Kompetenzen, die Unternehmen aktuell von ihren Beschäftigten erwarten. Wer einen Nebenjob mit direktem Kund:innenkontakt ausübt, sich ehrenamtlich in einem Verein engagiert, an einem Mentoring-Programm teilnimmt oder aktiv Feedback zu eigenen Präsentationen und Texten einholt, schärft diese Fähigkeit deutlich schneller als durch reines Zuschauen.

Resilienz, Flexibilität und Lernbereitschaft

Der WEF-Report geht davon aus, dass sich bis 2030 rund 39 Prozent der heute benötigten Kernkompetenzen verändern werden. In einem derart beweglichen Umfeld zählt vor allem die Bereitschaft, sich immer wieder neu einzuarbeiten, statt an einem einmal gelernten Wissensstand festzuhalten. Aufbauen lässt sich diese Fähigkeit etwa durch Projektarbeit mit wechselnden Aufgaben, durch einen Freiwilligeneinsatz im Ausland, durch den bewussten Umgang mit Rückschlägen im Sport oder Ehrenamt oder schlicht durch das gezielte Verlassen der eigenen Komfortzone, zum Beispiel über einen fachfremden Kurs oder ein Projekt außerhalb der eigenen Routine.

Führungsstärke und Eigeninitiative

Auch ohne formale Führungsposition lässt sich Führungskompetenz sichtbar machen, etwa durch die Übernahme von Verantwortung in Gruppenprojekten, das Organisieren von Veranstaltungen im Verein, das Anstoßen einer eigenen kleinen Initiative im Studium oder die Koordination eines studentischen Teams. Genau solche Erfahrungen lassen sich später glaubwürdig in Bewerbungsgesprächen oder in einer Case Study belegen.

Wichtig ist bei allen vier Clustern die Reflexion. Wer sich zusätzlich Feedback von Mentor:innen einholt und Erfahrungen aktiv auswertet und künftige Schritte danach ausrichtet, baut diese Kompetenzen deutlich schneller auf als durch das passive Durchlaufen vieler Stationen.

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Warum Unternehmen langfristig ihre Zukunftsfähigkeit riskieren

Wenn Unternehmen aus Kostengründen auf Einstiegsjobs verzichten und stattdessen auf KI setzen, sparen sie zwar eventuell kurzfristig Kosten ein, riskieren aber langfristig ihre eigene Zukunftsfähigkeit. Wer heute keine Berufseinsteiger:innen mehr ausbildet, hat in fünf bis zehn Jahren keine erfahrenen Fachkräfte mehr, die die anspruchsvollen Rollen übernehmen können, denn Erfahrung entsteht nicht von selbst. Genau davor warnt auch Stepstone-Arbeitsmarktexperte Tobias Zimmermann angesichts des demografischen Wandels, der den Arbeitsmarkt in wenigen Jahren spürbar verschärfen wird.

Gesamtgesellschaftlich betrachtet ist der Preis noch höher. Eine Generation, die ihren Berufseinstieg als frustrierend, unsicher oder gar aussichtslos erlebt, verliert Vertrauen in Leistung, Bildung und den Arbeitsmarkt insgesamt, mit Folgen für Konsum, Familienplanung und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Genau diese Verunsicherung zeigt sich bereits in der zitierten Jugendstudie 2026, in der junge Menschen zunehmend an politischen Rändern oder mit Auswanderungsgedanken auf ihre unsicheren Perspektiven reagieren.

Modelle, die Unternehmen zum Umdenken bewegen könnten

Damit sich an dieser Schieflage etwas ändert, braucht es Anreize, die über Appelle hinausgehen. 

Denkbar sind zum Beispiel steuerliche Vergünstigungen für Unternehmen, die eine feste Quote an Einstiegsstellen nachweislich besetzen, ähnlich wie es Ausbildungsumlagen in anderen europäischen Ländern bereits gibt. Ebenso sinnvoll wären verpflichtende Entry-Level-Quoten bei der Vergabe öffentlicher Aufträge, sodass Unternehmen, die von Steuergeldern profitieren, auch in den Nachwuchs investieren müssen. Mentoring-Tandems, bei denen erfahrene Mitarbeitende gezielt für die Einarbeitung neuer Kolleg:innen freigestellt und dafür intern honoriert werden, könnten die oft genannte Angst vor „zu hohem Einarbeitungsaufwand“ entkräften. Und branchenübergreifende Rotationsprogramme, in denen mehrere mittelständische Unternehmen sich eine Kohorte an Berufseinsteiger:innen teilen, könnten gerade kleineren Betrieben die Unsicherheit nehmen, jemanden fest allein finanzieren zu müssen.

Einen interessanten und innovationen Vorschlag hat dazu der Ökonom Jacob Schaal vom King's College London gemacht: Unternehmen könnten die intensive Ausbildung ihrer Berufseinsteiger*innen als eine Art “Bildungskredit” verstehen und entsprechend finanzieren. Als Gegenleistung für die praktischen Kompetenzen, die die Berufseinsteiger:innen erhalten, zahlen diese als Geförderte rund ein Viertel ihres Einkommens an ihr erstes Arbeitgeber-Unternehmens zurück. Inwieweit ein solches Modell in der Praxis umzusetzen wäre, steht jedoch noch in den Sternen - Überlegungen wie diese zeigen jedoch, wie tiefgreifend sich unsere Arbeitswelt in den kommenden Jahren verändern könnte.

Fazit

Der Entry Level Gap ist kein Naturgesetz. Er ist das Ergebnis kurzfristiger Entscheidungen in einer Phase wirtschaftlicher Unsicherheit, gepaart mit einem Bildungssystem, das sich noch nicht an die neue Realität angepasst hat. Für dich persönlich heißt das vor allem eines: Lass dich von langen Bewerbungsphasen nicht entmutigen. Die Jugendarbeitslosigkeit ist im europäischen Vergleich weiterhin niedrig, und der demografische Wandel wird deinen Marktwert in den kommenden Jahren eher steigen lassen als senken.

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